German Angst oder die Sehnsucht nach Ordnung

Gerade habe ich den zweiten Band von Winklers „Geschichte des Westens“ zu Ende gelesen. Er geht auf die beiden großen Katastrophen der deutschen Geschichte ein: Der dreißigjährige Krieg sowie die Phase vom ersten Weltkrieg bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Die Phase vom ersten bis zum Ende des zweiten Weltkrieges wird auch gerne als zweiter dreißigjähriger Krieg bezeichnet. Ob man das so stehen lassen kann möchte ich den Historikern überlassen.

Mir geht es um etwas anderes. Es gibt ja den Begriff „German Angst“. Ich möchte auch hier nicht in die begriffliche Deutung einsteigen, aber ein Artikel im Freitag hat mich zusammen mit Winklers Analyse zum grübeln gebracht.

 

Rückblick

Der dreißigjährige Krieg gilt ja als Urkatastrophe der älteren deutschen Geschichte und gilt als nationales Trauma.“ Die Erfahrung des Zusammenbruchs aller gewohnten Ordnung, von Chaos, blinder Gewalt und dem Wüten von fremder Soldateska“ (Winkler). Man sagt ja daher käme die Sehnsucht der Deutschen nach Ordnung und Sicherheit. Ich greife jetzt mal den Vergleich zum „zweiten“ dreißigjährigen Krieg auf. Nach dem ersten Weltkrieg brachen die staatlichen Strukturen in Deutschland zumindest teilweise zusammen. Die Monarchien waren abgeschafft, aber das parlamentarische System musste sich gegen verschiedene Formen des Extremismus behaupten. Die Verwaltungen funktionierten zwar, aber die meisten Behörden sowie große Teile der Oberschicht lehnten das parlamentarische System ab.  Es kam zu einer Phase politischer Instabilität. Dazu die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bedingt durch den Versailler Vertrag (der von vielen als Demütigung empfunden wurde) und der Weltwirtschaftskrise. Im Nationalsozialismus kam es zu Greueltaten wie sie die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte sowie zu einer totalen Willkür der Nationalsozialisten. Da nach lag Deutschland am Boden, total besiegt und moralisch disqualifiziert. Außerdem wurde Deutschland zwischen zwei Machtblöcken aufgeteilt.

Ich glaube dies war genauso prägend für die deutsche Psyche wie der dreißigjährige Krieg. Wieder kam es zur totalen Unsicherheit.

Was hat das mit uns heute zu tun?

Die Welt ist mal wieder im Umbruch. In der arabischen Welt gibt es Bürgerkriege und der islamische Terror hat sich dort fest etabliert. Viele Menschen suchen bei uns Schutz und Sicherheit. Manche fühlen sich an die Völkerwanderung erinnert. Gleichzeitig schreitet die Globalisierung immer weiter fort. Früher konnten sich die Menschen halbwegs darauf verlassen, dass sie mit Fleiß und Können sich zumindest einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten konnten. Heute  weisen Arbeitsbiografien große Brüche auf und der befristete Arbeitsvertrag gehört zur Normalität. Das Privatleben wird immer weiter ökonomisiert. Das Gefühl der Ungleichheit greift um sich. Dies gepaart mit der deutschen Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung führt zur German Angst. Selbstverantwortung wird gepredigt, zum Beispiel in der Altersvorsorge. Aber gerade die Menschen die eine private Vorsorge am nötigsten haben, haben oft nicht die finanziellen Mittel Geld für das Alter zur Seite zu legen. Dazu kommt, dass die Möglichkeiten der privaten Altersvorsorge oft nicht zu verstehen sind, die Regelungen und Einschränkungen sind zu komplex. Ein weiterer Angstkomplex ist, dass die Leute sich großen Konzernen ausgeliefert fühlen. Es wird vor dem Datenschutz bei Facebook oder Google gewarnt, aber die Alternativen sind beschränkt. Große multinationale Konzerne handeln Steuern mit Staaten aus mit dem Ergebnis, dass sie fast keine Steuern mehr zahlen. Oder sie monopolisieren den Handel mit Saatgut etc.. Welche Möglichkeiten hat man  als  Verbraucher diese zu durchschauen? Dann steht da noch TTIP ins Haus. Keiner weiß was da so genau verhandelt wird, doch Unwissen schürt Angst.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Ich wollte damit nur zeigen, es gibt gute Gründe warum die Menschen ängstlich und verunsichert in die Zukunft schauen. Und die Unsicherheit ist bei vielen groß.

Wo liegen die Gefahren der German Angst?

Ich sehe die Gefahren darin, dass die Menschen sich Parteien oder Personen zu wenden die vermeintlich einfache Lösungen versprechen. Aber ein zurück in ein heimeliges isoliertes Deutschland ist nicht realistisch. Ausgrenzung Anderer führt zur eigenen Ausgrenzung,  dies kann nicht die Lösung sein.  Die Frage ist wie können wir dem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit / Gleichheit gerecht werden? Eine Antwort hierzu habe ich nicht, aber es lohnt sich darüber nachzudenken.

Ich glaube nicht, dass die Verhältnisse die ich am Anfang des Artikels gelesen habe sich Eins zu Eins auf die heutigen Verhältnisse übertragen lassen, aber gewisse Parallelen sind erkennbar und sollten uns aufhorchen lassen.

 

1 Gedanke zu “German Angst oder die Sehnsucht nach Ordnung

  1. Zunächst einmal vielen Dank für den Artikel. Er gefällt mir und regt in der Tat zum Nachdenken an.

    Nun zum Inhaltlichen: Das Wesen der Menschen ändert sich nach meinem Dafürhalten nicht. Menschen verhalten sich heute – unreflektiert – in vielen Dingen im Grunde noch genau so wie, sagen wir, vor 5.000 Jahren. Und das heißt, dass Menschen in Zeiten großer Unsicherheit sich ganz automatisch ihrem eigenen Volk zuwenden. Daher gibt es auch einige (wenige) Menschen, die bereits vor Jahren prognositziert haben, dass sich die westliche Ethnie wieder stärker auf ihre Nationalitäten zurückbesinnen wird. Und genau das beobachten wir derzeit. Es ist der Aufstieg des Separatismus. Dieser Separatismus wird immer stärker werden und immer weiter zunehmen – und zwar aus einer Vielzahl von gründen – und dürfte letztlich wohl in einem großen Knall münden.

    Besonders dramatisch scheinen mir persönlich die nichtfinanzierten finanziellen Absicherungssysteme wie Pensionen, teilweise auch die Renten, die hohe Staatsverschuldung, die enormen finanziellen Sicherheiten, welche das deutsche Volk, für andere übernommen hat … und hier kommt natürlich noch die Migrationskrise der letzten 18 Monate hinzu. Aber auch noch weitere Krise: Die Krise der Familie – so liegt beispielsweise die Rate alleinerziehender Mütter in Ostdeutschland bei 27%.

    Diese Liste ließe sich in der Tat, wie von dir beschrieben, endlos weiterführen. Wir blicken hier auf eine Reihe von Spannungsfeldern, die sich wohlmöglich mit politischen Mitteln nicht mehr lösen lassen werden. Womit ich wieder am Anfangspunkt meines Kommentars wäre: Die Natur des Menschen scheint sich nicht zu verändern. Erst wenn es zum Knall kommt, wacht die Bevölkerung auf und sucht nach Lösungen – und das sind nicht immer die besten Lösungen, wie uns ein Blick in die Geschichte ebenfalls zeigt.

    Dem aufmerksamen Beobachter bleibt wohlmöglich nur, die Entwicklung wahrzunehmen und wohlmöglich auch sehr genau kommen zu sehen. Es ist fraglich, ob das Individuum überhaupt in der Lage ist, gruppen- und massendynamische Prozesse eines solchen Ausmaßes irgendwie positiv zu beeinflussen.

    Beispielsweise sagen die Kapitalisten, also die Anhänger des Libertarismus und der Österreichischen Nationalökonomie, denen ich ideell oftmals sehr nahe stehe, dass ein Staat niemals mit politischen Mitteln nachhaltig verkleinert werden kann. Ergo ist ein solcher Staat auch nicht reformfähig. Er wird immer größer und größer und bricht dann an seiner eigenen Last zusammen. So war es beim Römischen Reich – die Militärpensionen konnten nicht mehr gezahlt werden – und so war es immer wieder viele Male in der Geschichte der Fall. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Geschichte für die westliche Welt auch dieses Mal wiederholen wird. Ich persönlich gehe davon aus, dass es genau so kommen wird.

    Wenn sich etwas nicht mehr verändert und starr ist, wird es halt gebrochen und vernichtet, damit wieder Neues entsteht. Keine Ahnung, wir werden sehen.

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