Das Werden von Kulturen

Immer  wieder ließt man in der letzten Zeit Kommentare besorgter Menschen, die die steigende Zahl der Flüchtlinge als Bedrohung unserer Kultur ansehen. Dazu habe ich mir mal so ein paar Gedanken gemacht.

Wie ist das denn eigentlich so mit unserer Kultur? Wie definiert sie sich? Wo kommt sie her?

Unsere Kultur wird  auch gerne als Leitkultur bezeichnet, wobei relativ schnell jedem klar sein dürfte, dass diese Aussage sich nur auf unseren Kulturraum beziehen kann. Niemand kann ernsthaft in Erwägung ziehen, unsere Kultur wäre auch im chinesischen Kulturkreis Leitkultur. Aber zunächst einmal habe ich mir auf Wikipedia die Definition zu Kultur angeschaut, denn wir müssen ja schließlich wissen über was wir sprechen. Dort steht also:

Kultur (von lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde wie Sprachen, Moral, Religion, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft.

Hier sieht man schon, dass es mit der deutschen Leitkultur nicht weit her sein kann sobald man Deutschland verlässt.

Wo kommt denn jetzt unsere Kultur her? Ist sie so einfach aus sich heraus entstanden? Ist sie vom Himmel gefallen oder gar Gott gegeben? Wohl eher nicht. Kulturen entwickeln sich mit der sie prägenden Gesellschaft. Das heißt Kultur ist etwas lebendiges, veränderliches. Eine Kultur die sich nicht mehr verändert und weiterentwickelt ist tot. Ein Beispiel, noch vor 50 Jahren sind bei uns in Deutschland die Frauen auf dem Land häufig mit Kopftuch aus dem Haus gegangen, weil es halt sich so gehörte. Heute lächeln wir darüber. Ein Brauch, welcher auch Teil der Kultur ist, hat sich überlebt, damit hat sich auch die Kultur verändert. Aber schauen wir uns doch mal etwas an was unsere Kultur entscheidend und nachhaltig geprägt hat, das Christentum. Das Christentum ist alles andere als eine urdeutsche Erfindung. Das Christentum hat seine Wurzeln im Nahen Osten und zwar im Judentum. Es hat sich über den griechischen und späteren Kulturraum zu uns vorgearbeitet. Erst im Mittelalter war dann Deutschland tatsächlich weitestgehend christianisiert. Viele Werte die sich in unserer Rechtsprechung niedergeschlagen haben, aber auch Traditionen (z.B. Weihnachten) kommen aus  der importierten Religion Christentum.

Deutschland ist wie andere Länder auch ein Gebilde welches sich erst nach und nach entwickelt hat. Dabei war Deutschland kein isoliertes Gebilde sondern stand immer im Kontakt mit anderen Ländern und Kulturen. Die Renaissance kam aus Italien und wäre ohne Gebildete aus Konstantinopel oder dem antiken Wissen welches der Islam über Al-Andalus nach Europa brachte, nicht möglich gewesen.

Dies passiert heute alles viel schneller. Die Entfernungen sind geschrumpft. Wir fliegen mal eben zum Shoppen nach London und den Urlaub verbringen wir oft auch außerhalb Europas; Trends werden auch nicht zuletzt durch Youtube und  soziale Medien in Echtzeit über den ganzen Globus verbreitet. Hierzu ein interessanter Artikel im Cicero.

Kultur entsteht also aus Austausch. Eine Kultur ist etwas lebendiges. Wenn sich eine  Kultur nicht mehr ändert ist sie tot.

Was bedeutet  das für uns heute?

Manchen geht das zu schnell, sie kommen nicht mehr mit und das produziert Angst. Angst seien eigene Individualität zu verlieren. Manch einer schließt sich deswegen radikalen Gruppierungen an. Diese versprechen Schutz. Außerdem lässt es sich aus der Anonymität der Gruppe leichter gegen vermeintlich schlechtere Menschen hetzen.

In „Geschichte des Westens“ Bd. 2 zitiert H. A. Winkler auf Seite 324 Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“

„Das Man ist überall dabei, doch so, dass es sich auch schon immer davon geschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidungen drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, dass sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten,  weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man   es immer, und doch kann gesagt werden, ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.“

Ich finde Heideggers Erklärung einleuchtend.

Übrigens habe ich noch einen schönen Kommentar in einem Blog  gefunden.

Wir sollten uns nicht von Ängsten leiten lassen, sondern mutig und zuversichtlich die Herausforderungen die vor uns liegen angehen.

1 Gedanke zu “Das Werden von Kulturen

Kommentar verfassen

Blogverzeichnis - Bloggerei.de